Die Kirche
 
     
 

Der Annaberg liegt südwestlich von Haltern in der Bauernschaft Berghaltern und bildet hier den südlichen Ausläufer der Hohen Mark. Schon sehr früh müssen sich hier Menschen angesiedelt haben, wie dies Funde aus der Jungsteinzeit (Rössener-Kultur, etwa 2000 Jahre vor Beginn unserer Zeitrechnung) und der Spätbronzezeit beweisen. Beim Bau der Autobahn A 43 wurden im Jahre 1978 mehrere Urnen gefunden, und westlich der heutigen Autobahntrasse konnten dicht beieinanderliegende spätbronzezeitliche Grabanlagen nachgewiesen werden.

Die Annabergskapelle 1835

Im Rahmen ihres Expansionsdranges gelangten die Römer in der Zeit von 11 v. Chr. bis 16 n. Chr. von der linken Rheinseite (Xanten, castra vetera) her auf germanisches Gebiet. Dem Lauf der Lippe folgend erreichten sie den Annaberg bei Haltern. In den Jahren 1838 bis 1848 bereiste der preußische Oberstleutnant F. W. Schmidt Westfalen, um geschichtliche Forschungen zu betreiben. In seinen späteren Aufzeichnungen berichtet er über die Auffindung von Überresten eines römischen Kastells auf dem Annaberg bei Haltern sowie über Studien römischer Befestigungs- und Straßenanlagen am Rhein. Ober die aufgefundenen Gegenstände veröffentlichte der Geschichtsforscher und Pfarrer zu Velen Joseph Niesert einen Bericht, in dem er die einzelnen Funde beschreibt.

In den Jahren 1899 bis 1901 erforschte der Museumsdirektor Dr. C. Schuchardt aus Hannover den Annaberg. Auch er stellte Spuren einer römischen Vergangenheit fest, jedoch zu den für 1904 vorgesehenen Schlussuntersuchungen kam es nicht mehr. Für weitere Forschungen tut sich in der Zukunft hier noch ein weites Feld auf.

 
     
 
 
Annaverehrung
 
     
  Die Verehrung der hl. Mutter Anna hat eine lange Tradition und reicht bis in die früheste Zeit der Kirche zurück. Im sogenannten "Protoevangelium" des hI. Jacobus werden der Name der hl. Anna, wie auch eine Legende über sie schon um das Jahr 150 erwähnt. Die Annaverehrung fand zuerst im Orient Verbreitung und gelangte über Konstantinopel, wo Kaiser Justinian zu Ehren der hl. Mutter Anna 550 eine Kirche erbauen ließ, nach Rom.
Im Jahre 1212 kam eine Reliquie der hl. Mutter Anna nach Mainz, die der Kreuzfahrerprediger Theobald vom Prior in Jerusalem erhalten hatte. Von Mainz aus setzte sich die Annaverehrung während des 13. und 14. Jahrhunderts immer mehr durch und erreichte ihren Höhepunkt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.
In diese Zeit fallen auch die ersten Hinweise über die Verehrung der hl. Mutter Anna in unserer Gegend. Ein Hauptgrund hierfür mag allgemein die Verkündigung der Lehre von der unbefleckten Empfängnis durch Papst Sixtus IV. (1471-1494) sein, In dieser vorreformatorischen Zeit gelangte die Annaverehrung zu ihrer vollsten Blüte. Die hI. Anna galt als "Modeheilige". Bereits im Jahre 1478 stiftete die auf der Mahlenburg bei Datteln wohnende Familie Dorneburg, genannt Aschebrock, an der Stiftskirche des 1166 gegründeten Prämonstratenserinnenklosters zu Flaesheim eine der hI. Mutter Anna geweihte Vikarie. Im Jahre 1488 stiftete der auf Haus Ostendorf in unmittelbarer Nähe des Annaberges wohnende Ritter Goswin von Raesfeld, Herr auf Haus Ostendorf, das Franziskanerkloster zu Dorsten und weihte es der hI. Mutter Anna. 1491 errichtete er vor seiner Burg ebenfalls eine Kapelle als Vikarie der Kirche zu Lippramsdorf und weihte sie ebenfalls der hl. Maria und der hI. Anna.
1510 führte der münsterische Bischof Erich I., Herzog von Sachsen-Lauenburg (1508-1524 †) offiziell das Fest der hI. Anna im Bistum Münster ein, und 1584 wurde das Fest durch Papst Gregor VIII. (1572-1585) für die ganze Christenheit bestätigt.
 
     
 
 
Die Geschichte des Annaberges
 
     
 

Die erste urkundliche Erwähnung des Annaberges als Königsberg (Kommberg) geschieht im Jahre 1378. In dieser Urkunde bescheinigt der Ritter von Raesfeld, er wolle sich die Einkünfte, welche die Äbtissin des Klosters Marienborn der Kapelle beim Kommberge (Königsberg, heutiger Annaberg) zu Bossnippe (Bossendorf) gegeben, auch dann nicht anmaßen, wenn die Kapelle eingehen würde.
Wie aus dieser Urkunde ersichtlich, muss hier schon vor 1378 eine Kapelle gestanden haben, die vermutlich der Gottesmutter Maria geweiht war. Das Cisterzienserinnenkloster Marienbom war im Jahre 1230 durch den münsterischen Bischof Ludolf von Hohe (1226-1248) als "fons beatae Mariae" in der Hohen Mark unweit des heutigen "Weißen Kreuzes" gegründet worden, aber bereits 1243 nach Coesfeld verlegt worden, wo es bis zur Säkularisation bestanden hat.

Das Gnadenbild um 1835

Im Jahre 1556 hören wir dann wieder etwas über den heutigen Annaberg. Der Vikar an der Pfarrkirche St. Georg in Lünen, Georgius Spormeker, macht in diesem Jahr in seine Chronik "Chronica Lünensis Civitatis Marcanae" u. a. folgende Eintragung: "Im May ist ock ein bome up S. Annenberge by Haltem upgeborsten, dar ys einer by gewesen thor tydt, de hadde den bloetganck ys gesund geworden dar begunte ock ein tholoep tho werden." Man kann diesen Zeitpunkt als den der ersten Wallfahrten zum Annaberg annehmen. Der genannte Brunnen ist im Jahre 1981 von Mitgliedern des Halterner Heimatvereins neu ergraben und wieder instandgesetzt worden.
Ebenfalls aus dem Jahre 1556 liegt im selben Pfarrarchiv zu Lünen eine lateinische Niederschrift über die Halterner Annaverehrung, die sich auch in späteren Aufzeichnungen des Haltemer Pfarrarchivs wiederholt. Es heißt darin: ,,Ein vom Aussatz befallener Hirt wusch sich in der Quelle auf dem Kommeberg und betete vor einem Bild der Mutter Anna, das an der Wegkapelle dort angebracht war und wurde gänzlich geheilt." Man kann aus dieser Niederschrift folgern, dass eine Wegkapelle mit einem Annabild bereits zu dieser Zeit auf dem "Kommeberg" vorhanden war. Sicherlich wird es sich hier um die 1378 erwähnte Kapelle gehandelt haben. In den Visitationsprotokollen des Jahres 1572 ist aber von einer Kapelle auf oder am Annaberg keine Rede mehr.
Weitere Aufzeichnungen über die Geschichte des Annaberges verdanken wir dem Halterner Pfarrer Hermannus Boeker, der von 1639 bis 1664 die Pfarre St. Sixtus zu Haltern verwaltete, zu der der Annaberg von jeher kirchlich gehörte.
Aus dem Status der Pastorat zu Haltern erfahren wir "im Jhaer 1662" folgendes: "Im Kerspell Halteren bie dem Wege nachher Dorsten uff den Konings-perch genand ist ein klein fonteinichen. Und wie mir gar alte und glaubwürdige Leute oft berichtet, vor vielen jharen weit und ferne gar berurnet Sunt Annen Brunne, oder dass heilige Waßer genand. Eine halbe Stunde gehens davon, bie den Weselschen Weg ist auch eine Capelle gestanden, im gelichen 5. Annae geheißen [die Kapelle auf dem heutigen Tannenberg], davon die Rudera [Ruinen] noch heutigen tages zu sehen, aber vor viertzich jharen ungefher neddergefallen. Der Fontein aber auch im gelichen ins Vergeß kommen, hatte dennoch alzeit 5. Annae Nahmen behalten, auch bißweilen von guten Leuten visitirt und geprauchet worden. Diß alles habe ich, meiner schuldigkeit nach, Ihro hochwürden dem H. Archidiacono berichtet, welcher mir dan den Fontein zu reinigen und zu beßem befohlen, wie ich dan gehorsarnblich verrichtet. Der Fontein wurt täglich mehr visitirt und berurnet; und damit nicht der eine darauß trinke, der andere aber die füße darinne wasche, habe ich eine pumpe darin gesetztet, zu welcher Her Richter Vincent Besten gottsaligh die Kosten gutwilich ad dei laudem gegeben."
Hierzu ist weiterhin folgendes zu bemerken: Die hl. Mutter Anna wurde in alten Zeiten ebenfalls auf dem heutigen Tannenberg verehrt. Die heutige Form des Wortes Tannenberg ist entstanden aus: "ton bzw. ten Annenberg", "zum Annenberg". Mit der Zeit wurde daraus "Tannenberg", und diesen Namen trägt der Berg heute noch. Auf alten Karten ist der heutige Tannenberg noch St. Annenberg genannt, und nachdem der heutige Annaberg mehr in den Vordergrund gerückt war, hieß er während des 18. und 19. Jahrhunderts "Alter St. Annenberg".
Die Kapelle auf dem "Alten St. Annenberg" war infolge des Spanisch-Holländischen Erbfolgekrieges zerstört und verfallen. Deshalb verfügte im Jahre 1669 der münsterische Bischof Christoph Bernhard v. Galen, die Bauern sollten die Kapelle wiederherstellen. Diese Verfügung wurde aber nicht befolgt. In der Kapelle soll die Figur der Mutter Anna gestanden haben, die sich heute in der Pfarrkirche zu Lippramsdorf befindet. Auch das heutige Gnadenbild muss sich gemäß späterer Aussagen eine Zeitlang in der Kapelle auf dem Tannenberg befunden haben.
In die Amtszeit des Pfarrers Boeker fällt der Bau der heutigen Kapelle auf dem Annaberg. Im Bistumsarchiv zu Münster befinden sich Unterlagen, aus denen hervorgeht, dass bereits im Jahre 1652 Geld für einen Kapellenneubau gespendet worden ist. So wurde dann infolge dieser reichlichen Opfer am Vorlage des Festes Mariä Himmelfahrt (15. August) des Jahres 1653 nicht weit von der Quelle der Grundstein zu der neuen Kapelle gelegt. In dieser kleinen Kapelle hielt dann der Pfarrer Boeker in unregelmäßigen Abständen für die Pilger einen Gottesdienst. In der Nacht zum 2. Februar 1662 wurde die kleine Kapelle mit einem Pflugkolter (Pflugmesser) erbrochen und all ihres Schmuckes beraubt.
In die Amtszeit des Pfarrers Johannes Nottebohm (1669-1695) fällt im Jahre 1674 auf Geheiß des münsterischen Fürstbischofs Christoph Bernhard v. Galen der Erweiterungsbau der Kapelle. Es wird berichtet, dass der Bischof am 15. Juni 1665 in Begleitung eines Jesuitenpaters aus Coesfeld auf einer Reise zum nahegelegenen Haus Ostendorf am Annaberg vorbeikam und von dem Wallfahrtsort nähere Kunde erhielt. Neben vielen Zuwendungen, die er den Kirchen und Kapellen seines Bistums zukommen ließ, stiftete er der Kapelle auf dem Annaberg 1000 Taler. Deshalb wurde über dem Eingang des neuerrichteten größeren Anbaues sein Wappen mit folgender Inschrift angebracht: "Von Gottes Gnaden Christoph Bernhard, Bischof zu Münster, Administrator zu Corvey, des H. R. Reiches Fürst, Burggraf zu Stroberg' Herr zu Borkelo etc. Anno 1674".
Weitere Auskünfte über die Geschichte des Annaberges gibt uns wieder das Pfarrarchiv' in dem der spätere Pfarrer Thewes über seinen Vorgänger berichtet. Diese Berichte wurden dann in die Chroniken des 19. Jahrhunderts übernommen. Hier hören wir dann zum ersten Mal etwas über das heutige Gnadenbild der hl. Anna, dessen frühe Geschichte sich im Dunkel der Zeit verliert. Es heißt hier wie folgt in der deutschen Übersetzung: "Unter diesem Manne [dem Pastor Nottebohm, der von 1669-1695 Pastor war] ist jener Berg, auf dem es Gott wohlgefällig war zu wohnen, der nachher Annaberg genannt wurde, deswegen, weil der erwähnte Pastor, da der adliche Herr von Raesfeld' Johann Adolph v. Ostendorf (1672-1713), Herr auf der Burg Ostendorf' jene Statue der hl. Anna aus einem verfallenen Häuschen, wo bei der Prozession des Kirchspiels Lippramsdorf das Sanctissimum hingesetzt wurde, dem Pastor zum Geschenk gegeben hatte, der erwähnte Pastor dieselbe zur öffentlichen Verehrung dort, nämlich in der Kapelle aussetze, im Jahre 1687 zur Zeit des münsterischen Fürstbischofs Friedrich Christian von Plettenberg in die Hände der Jesuiten gekommen. Die Verwaltung blieb noch dem Pastor; er war aber gehalten, dem Missionar von der Gesellschaft Jesu für seine Dienste aus dem Opfer jährlich 125 Rtl. zu zahlen."
Die Figur der hl. Mutter Anna zählt zu den "Selbdritt"-Darstellungen, von denen es im Vest Recklinghausen mehrere gibt (so z.B. in St. Peter/ Recklinghausen, St. Ludgerus/Altschermbeck, St. Maria Magdalena/Homeburg, Wegkapelle Buer-Scholven, St. Matthäus/Wulfen, St. Lambertus/Lipp-ramsdorf). Die wohl bekannteste steht in der Kapelle auf dem Annaberg bei Haltern. Alle diese Holzplastiken stammen aus dem 15. Jahrhundert und sind größtenteils Arbeiten verschiedener niederrheinischer Meister. Der Name "Selbdritt" stammt aus dem mittelalterlichen Deutsch und heißt "zu dreien" oder "selbst die dritte". Wer mit zwei anderen kam oder mit zwei anderen abgebildet wurde, erschien "selbst zu dritt". Alle die oben genannten Darstellungen zeigen die hl. Mutter Anna, auf ihrem Schoß ihre Tochter Maria und wiederum auf deren Schoß den Jesusknaben. Während der Barockzeit war unsere Figur gefasst (bemalt). Die Farbe ist aber in den 20er Jahren von dem seinerzeitigen Annabergvikar Hünneckes entfernt worden. Ein weiterer Bericht, der das Vorgesagte bestätigt, befindet sich im Pfarrarchiv zu Oer und stammt aus der Feder des seinerzeitigen Pfarrers Schmitz aus dem Jahre 1769. Hier steht folgendes verzeichnet: "Die Anna Bildnis ist ca. annum 1660 in einem Baum etwa 1/2 stund von der capell gefunden worden und zum Hauß Ostendorf gebracht, aber von selbst zum 2ten bis 3ten mahl von dort wiederumb abkommen [verloren gegangen]. Weil nun eine lange Zeit soll gesäng in vicinia [in der Nähe] des berges gehört worden sein und ein Bauer, so plaggen gemäht, kein Wasser haben können, so sei der Brunn, so damals noch springt und wohe die pumpe nun steht, zu dessen Erquickung ersprungen und nechst darbey gleich ein klein Heiligenhäußchen gebaut, und obige Bildniß drin gesetzet worden, wobey dan viele miraculen [Wunder] gleich geschehen, und derowegen Bischof Bernd v. Galen anno 1674 die jetzige capell habe bauen lassen. Der platz, wohe der Baum gestanden, worin die Bildniß gefunden worden, heißt noch der alte St. Annenberg."