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Die erste urkundliche
Erwähnung des Annaberges als Königsberg (Kommberg) geschieht im
Jahre 1378. In dieser Urkunde bescheinigt der Ritter von Raesfeld,
er wolle sich die Einkünfte, welche die Äbtissin des Klosters Marienborn
der Kapelle beim Kommberge (Königsberg, heutiger Annaberg) zu Bossnippe
(Bossendorf) gegeben, auch dann nicht anmaßen, wenn die Kapelle
eingehen würde.
Wie aus dieser Urkunde ersichtlich, muss hier schon vor 1378 eine
Kapelle gestanden haben, die vermutlich der Gottesmutter Maria geweiht
war. Das Cisterzienserinnenkloster Marienbom war im Jahre 1230 durch
den münsterischen Bischof Ludolf von Hohe (1226-1248) als "fons
beatae Mariae" in der Hohen Mark unweit des heutigen "Weißen Kreuzes"
gegründet worden, aber bereits 1243 nach Coesfeld verlegt worden,
wo es bis zur Säkularisation bestanden hat.
Im Jahre 1556
hören wir dann wieder etwas über den heutigen Annaberg. Der Vikar
an der Pfarrkirche St. Georg in Lünen, Georgius Spormeker, macht
in diesem Jahr in seine Chronik "Chronica Lünensis Civitatis
Marcanae" u. a. folgende Eintragung: "Im May ist ock ein bome
up S. Annenberge by Haltem upgeborsten, dar ys einer by gewesen
thor tydt, de hadde den bloetganck ys gesund geworden dar begunte
ock ein tholoep tho werden." Man kann diesen Zeitpunkt als den der
ersten Wallfahrten zum Annaberg annehmen. Der genannte Brunnen ist
im Jahre 1981 von Mitgliedern des Halterner Heimatvereins neu ergraben
und wieder instandgesetzt worden.
Ebenfalls aus dem Jahre 1556 liegt im selben Pfarrarchiv zu Lünen
eine lateinische Niederschrift über die Halterner Annaverehrung,
die sich auch in späteren Aufzeichnungen des Haltemer Pfarrarchivs
wiederholt. Es heißt darin: ,,Ein vom Aussatz befallener Hirt wusch
sich in der Quelle auf dem Kommeberg und betete vor einem Bild der
Mutter Anna, das an der Wegkapelle dort angebracht war und wurde
gänzlich geheilt." Man kann aus dieser Niederschrift folgern, dass
eine Wegkapelle mit einem Annabild bereits zu dieser Zeit auf dem
"Kommeberg" vorhanden war. Sicherlich wird es sich hier um
die 1378 erwähnte Kapelle gehandelt haben. In den Visitationsprotokollen
des Jahres 1572 ist aber von einer Kapelle auf oder am Annaberg
keine Rede mehr.
Weitere Aufzeichnungen über die Geschichte des Annaberges verdanken
wir dem Halterner Pfarrer Hermannus Boeker, der von 1639 bis 1664
die Pfarre St. Sixtus zu Haltern verwaltete, zu der der Annaberg
von jeher kirchlich gehörte.
Aus dem Status der Pastorat zu Haltern erfahren wir "im Jhaer
1662" folgendes: "Im Kerspell Halteren bie dem Wege nachher
Dorsten uff den Konings-perch genand ist ein klein fonteinichen.
Und wie mir gar alte und glaubwürdige Leute oft berichtet, vor vielen
jharen weit und ferne gar berurnet Sunt Annen Brunne, oder dass
heilige Waßer genand. Eine halbe Stunde gehens davon, bie den Weselschen
Weg ist auch eine Capelle gestanden, im gelichen 5. Annae geheißen
[die Kapelle auf dem heutigen Tannenberg], davon die Rudera [Ruinen]
noch heutigen tages zu sehen, aber vor viertzich jharen ungefher
neddergefallen. Der Fontein aber auch im gelichen ins Vergeß kommen,
hatte dennoch alzeit 5. Annae Nahmen behalten, auch bißweilen von
guten Leuten visitirt und geprauchet worden. Diß alles habe ich,
meiner schuldigkeit nach, Ihro hochwürden dem H. Archidiacono berichtet,
welcher mir dan den Fontein zu reinigen und zu beßem befohlen, wie
ich dan gehorsarnblich verrichtet. Der Fontein wurt täglich mehr
visitirt und berurnet; und damit nicht der eine darauß trinke, der
andere aber die füße darinne wasche, habe ich eine pumpe darin gesetztet,
zu welcher Her Richter Vincent Besten gottsaligh die Kosten gutwilich
ad dei laudem gegeben."
Hierzu ist weiterhin folgendes zu bemerken: Die hl. Mutter Anna
wurde in alten Zeiten ebenfalls auf dem heutigen Tannenberg verehrt.
Die heutige Form des Wortes Tannenberg ist entstanden aus: "ton
bzw. ten Annenberg", "zum Annenberg". Mit der Zeit wurde daraus
"Tannenberg", und diesen Namen trägt der Berg heute noch.
Auf alten Karten ist der heutige Tannenberg noch St. Annenberg genannt,
und nachdem der heutige Annaberg mehr in den Vordergrund gerückt
war, hieß er während des 18. und 19. Jahrhunderts "Alter St.
Annenberg".
Die Kapelle auf dem "Alten St. Annenberg" war infolge des Spanisch-Holländischen
Erbfolgekrieges zerstört und verfallen. Deshalb verfügte im Jahre
1669 der münsterische Bischof Christoph Bernhard v. Galen, die Bauern
sollten die Kapelle wiederherstellen. Diese Verfügung wurde aber
nicht befolgt. In der Kapelle soll die Figur der Mutter Anna gestanden
haben, die sich heute in der Pfarrkirche zu Lippramsdorf befindet.
Auch das heutige Gnadenbild muss sich gemäß späterer Aussagen eine
Zeitlang in der Kapelle auf dem Tannenberg befunden haben.
In die Amtszeit des Pfarrers Boeker fällt der Bau der heutigen Kapelle
auf dem Annaberg. Im Bistumsarchiv zu Münster befinden sich Unterlagen,
aus denen hervorgeht, dass bereits im Jahre 1652 Geld für einen
Kapellenneubau gespendet worden ist. So wurde dann infolge dieser
reichlichen Opfer am Vorlage des Festes Mariä Himmelfahrt (15. August)
des Jahres 1653 nicht weit von der Quelle der Grundstein zu der
neuen Kapelle gelegt. In dieser kleinen Kapelle hielt dann der Pfarrer
Boeker in unregelmäßigen Abständen für die Pilger einen Gottesdienst.
In der Nacht zum 2. Februar 1662 wurde die kleine Kapelle mit einem
Pflugkolter (Pflugmesser) erbrochen und all ihres Schmuckes beraubt.
In die Amtszeit des Pfarrers Johannes Nottebohm (1669-1695) fällt
im Jahre 1674 auf Geheiß des münsterischen Fürstbischofs Christoph
Bernhard v. Galen der Erweiterungsbau der Kapelle. Es wird berichtet,
dass der Bischof am 15. Juni 1665 in Begleitung eines Jesuitenpaters
aus Coesfeld auf einer Reise zum nahegelegenen Haus Ostendorf am
Annaberg vorbeikam und von dem Wallfahrtsort nähere Kunde erhielt.
Neben vielen Zuwendungen, die er den Kirchen und Kapellen seines
Bistums zukommen ließ, stiftete er der Kapelle auf dem Annaberg
1000 Taler. Deshalb wurde über dem Eingang des neuerrichteten größeren
Anbaues sein Wappen mit folgender Inschrift angebracht: "Von
Gottes Gnaden Christoph Bernhard, Bischof zu Münster, Administrator
zu Corvey, des H. R. Reiches Fürst, Burggraf zu Stroberg' Herr zu
Borkelo etc. Anno 1674".
Weitere Auskünfte über die Geschichte des Annaberges gibt uns wieder
das Pfarrarchiv' in dem der spätere Pfarrer Thewes über seinen Vorgänger
berichtet. Diese Berichte wurden dann in die Chroniken des 19. Jahrhunderts
übernommen. Hier hören wir dann zum ersten Mal etwas über das heutige
Gnadenbild der hl. Anna, dessen frühe Geschichte sich im Dunkel
der Zeit verliert. Es heißt hier wie folgt in der deutschen Übersetzung:
"Unter diesem Manne [dem Pastor Nottebohm, der von 1669-1695
Pastor war] ist jener Berg, auf dem es Gott wohlgefällig war zu
wohnen, der nachher Annaberg genannt wurde, deswegen, weil der erwähnte
Pastor, da der adliche Herr von Raesfeld' Johann Adolph v. Ostendorf
(1672-1713), Herr auf der Burg Ostendorf' jene Statue der hl. Anna
aus einem verfallenen Häuschen, wo bei der Prozession des Kirchspiels
Lippramsdorf das Sanctissimum hingesetzt wurde, dem Pastor zum Geschenk
gegeben hatte, der erwähnte Pastor dieselbe zur öffentlichen Verehrung
dort, nämlich in der Kapelle aussetze, im Jahre 1687 zur Zeit des
münsterischen Fürstbischofs Friedrich Christian von Plettenberg
in die Hände der Jesuiten gekommen. Die Verwaltung blieb noch dem
Pastor; er war aber gehalten, dem Missionar von der Gesellschaft
Jesu für seine Dienste aus dem Opfer jährlich 125 Rtl. zu zahlen."
Die Figur der hl. Mutter Anna zählt zu den "Selbdritt"-Darstellungen,
von denen es im Vest Recklinghausen mehrere gibt (so z.B. in St.
Peter/ Recklinghausen, St. Ludgerus/Altschermbeck, St. Maria Magdalena/Homeburg,
Wegkapelle Buer-Scholven, St. Matthäus/Wulfen, St. Lambertus/Lipp-ramsdorf).
Die wohl bekannteste steht in der Kapelle auf dem Annaberg bei Haltern.
Alle diese Holzplastiken stammen aus dem 15. Jahrhundert und sind
größtenteils Arbeiten verschiedener niederrheinischer Meister. Der
Name "Selbdritt" stammt aus dem mittelalterlichen Deutsch und
heißt "zu dreien" oder "selbst die dritte". Wer mit zwei
anderen kam oder mit zwei anderen abgebildet wurde, erschien "selbst
zu dritt". Alle die oben genannten Darstellungen zeigen die hl.
Mutter Anna, auf ihrem Schoß ihre Tochter Maria und wiederum auf
deren Schoß den Jesusknaben. Während der Barockzeit war unsere Figur
gefasst (bemalt). Die Farbe ist aber in den 20er Jahren von dem
seinerzeitigen Annabergvikar Hünneckes entfernt worden. Ein weiterer
Bericht, der das Vorgesagte bestätigt, befindet sich im Pfarrarchiv
zu Oer und stammt aus der Feder des seinerzeitigen Pfarrers Schmitz
aus dem Jahre 1769. Hier steht folgendes verzeichnet: "Die
Anna Bildnis ist ca. annum 1660 in einem Baum etwa 1/2 stund von
der capell gefunden worden und zum Hauß Ostendorf gebracht, aber
von selbst zum 2ten bis 3ten mahl von dort wiederumb abkommen [verloren
gegangen]. Weil nun eine lange Zeit soll gesäng in vicinia [in der
Nähe] des berges gehört worden sein und ein Bauer, so plaggen gemäht,
kein Wasser haben können, so sei der Brunn, so damals noch springt
und wohe die pumpe nun steht, zu dessen Erquickung ersprungen und
nechst darbey gleich ein klein Heiligenhäußchen gebaut, und obige
Bildniß drin gesetzet worden, wobey dan viele miraculen [Wunder]
gleich geschehen, und derowegen Bischof Bernd v. Galen anno 1674
die jetzige capell habe bauen lassen. Der platz, wohe der Baum gestanden,
worin die Bildniß gefunden worden, heißt noch der alte St. Annenberg."
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